Globale Risiken

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Globale Risiken.

Jahrzehntelang haben fast alle vom Welthandel profitiert. Heute zeigen sich die Abhängigkeiten, und Wirtschaft wie Politik müssen zwischen Kosten und Sicherheit abwägen.

Globalisierung: Fast alle verdienen mit

„Wandel durch Handel“ war die Devise der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Wer Handel treibt, verändert auch das politische System. Mit der Globalisierung bekam der Handel dann eine ganz neue Dimension. Spätestens seit 1990 sanken durch die weltweite Arbeitsteilung die Produktionskosten, und der Welthandel wuchs rasant. Produziert wurde, wo es am günstigsten war, beliefert wurde die ganze Welt. Ideologische Differenzen gab es nach wie vor, aber sie standen dem wirtschaftlichen Gewinn hinten an. Wenn fast alle profitieren, gibt es keinen Grund, den Status quo zu ändern. Europa, und speziell Deutschland, profitierte davon in besonderem Maße. Russland lieferte die günstige Energie, China viele Neukunden und die USA das digitale Zubehör, ob Hardware, Software oder Cloud. Alle hielten sich dabei mehr oder weniger an die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO).

Das war einmal: die Abhängigkeiten

Durch den Kosten- und Innovationswettbewerb hat sich die Produktion in wenige Regionen verlagert, die heute Quasi-Monopole halten, zum Beispiel bei Photovoltaik oder seltenen Erden. Von ihnen hat sich Europa weitgehend abhängig gemacht. Solange man geopolitisch auf derselben Seite steht, ist das kein großes Problem. Ändert sich das, wird die Abhängigkeit zum Risiko. Die letzten Jahre haben das eindrücklich gezeigt: der russische Angriff auf die Ukraine mit den Sanktionen gegen Russland, die erratische Handelspolitik der USA unter Donald Trump und Chinas zunehmender wirtschaftlicher Druck. Im schlimmsten Fall könnten sogar technisch wichtige oder lebensnotwendige Produkte wie Medikamente knapp werden.

Auch das Regelwerk, das den Welthandel lange zusammengehalten hat, verliert an Wirkung. Das Streitschlichtungsverfahren der WTO ist seit Jahren weitgehend blockiert, und manche Länder, darunter die USA, berufen sich zunehmend auf nationale Sicherheit, um Regeln zu umgehen. Das Vertrauen, dass sich alle an die Regeln halten, schwindet, und es werden immer mehr bilaterale Abkommen geschlossen und Zölle erhoben.

Zwischen Kosten und Sicherheit

Wirtschaftspolitik wird zunehmend zur Abwägung: Auf der einen Seite stehen nationale Ziele wie Digitalisierung oder grüne Transformation und der Kostendruck des internationalen Wettbewerbs, auf der anderen geopolitische Interessen wie eine geringere Abhängigkeit von ausländischen Regierungen. Dieser Konflikt bedeutet zumindest kurzfristig vor allem höhere Preise. Denn Zölle, die Abhängigkeiten verringern oder Druck erzeugen sollen, tragen am Ende oft die Verbraucher im eigenen Land.

Auch Unternehmen stehen vor diesem Konflikt: Viele sagen, sie wollten unabhängiger werden, investieren aber weiter oder sogar mehr in Länder wie die USA und China, um nah an den dortigen Märkten zu produzieren. Sie nehmen die Risiken einer hohen Abhängigkeit bewusst in Kauf, weil ihnen die hohen Produktionskosten und langen Genehmigungsverfahren in Europa schwerer wiegen. Eine echte Rückverlagerung der Produktion (Reshoring) bleibt deshalb bisher die Ausnahme. Handel war lange vor allem günstig. Sicherheit und Unabhängigkeit haben dagegen ihren Preis.

Kurz gefragt

Was bedeutet „Wandel durch Handel“?

„Wandel durch Handel“ ist die Idee, dass wirtschaftliche Verflechtung Länder auch politisch annähert und auf Dauer ihre politischen Systeme verändert. Wer miteinander Geschäfte macht, hat etwas zu verlieren, wenn es zu Konflikten kommt. Die Idee prägte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem die deutsche Politik gegenüber Osteuropa und später gegenüber Russland und China. Ob Handel tatsächlich politisch verändert, ist umstritten.

Warum ist die Abhängigkeit von einzelnen Ländern ein Risiko?

Wer von wenigen Lieferanten oder Regionen abhängt, ist auf deren Politik und Verlässlichkeit angewiesen. Solange man geopolitisch auf derselben Seite steht, ist das unproblematisch. Ändert sich das, können Lieferungen ausfallen, Preise steigen oder die Lieferländer wirtschaftlichen Druck ausüben. Je weniger Ausweichmöglichkeiten es gibt, desto größer ist das Risiko. Das haben uns die Pandemie, Sanktionen und Handelskonflikte gezeigt.

Hat die WTO ihre Bedeutung verloren?

Sie hat an Einfluss verloren, ist aber nicht bedeutungslos. Die Welthandelsorganisation setzt weiterhin Regeln für den Welthandel. Ihr Streitschlichtungsverfahren ist allerdings seit Jahren weitgehend blockiert, weil sich die Mitglieder nicht auf neue Richter einigen. Deshalb setzen Länder zunehmend auf bilaterale Abkommen und Zölle.

Wie wirken Zölle, und wer zahlt sie am Ende?

Zölle sind Abgaben auf importierte Waren. Sie sollen heimische Produzenten schützen oder politischen Druck erzeugen und bringen dem Staat Einnahmen. Zunächst zahlt sie der Importeur, also ein Unternehmen des Landes, das den Zoll verhängt hat. Wer am Ende die Rechnung trägt, hängt davon ab, wie sich die Kosten weitergeben lassen: Haben Verbraucher keine Alternative, kaufen sie auch zu einem höheren Preis. Können sie ausweichen, müssen Händler oder Exporteure den Preis senken. Antwortet das andere Land mit Gegenzöllen, trifft das zusätzlich die heimischen Exporteure.

Was bedeutet „Deglobalisierung“ oder „Reshoring“?

Deglobalisierung bedeutet, dass die weltweite wirtschaftliche Verflechtung abnimmt, etwa durch mehr Zölle und Handelsbeschränkungen. Daneben gibt es Strategien, die gezielt Abhängigkeiten verringern sollen: Beim Reshoring holt man Produktion, Lieferketten oder Zahlungsverbindungen ins eigene Land zurück, beim Nearshoring in nahegelegene Länder, beim Friendshoring in politisch verbündete Länder. Das Friendshoring wird allerdings durch die erratische Handelspolitik der USA gegenüber Europa infrage gestellt, obwohl beide eigentlich als verbündet galten. Auch die Diversifikation, also die breitere Streuung von Lieferanten und Absatzmärkten, begrenzt Abhängigkeiten.

Werden Maßnahmen zum Reshoring in der EU und in Deutschland tatsächlich umgesetzt?

Teils, teils. Die EU hat Programme zur Förderung von Chipproduktion und kritischen Rohstoffen aufgelegt, um Abhängigkeiten von einzelnen Ländern zu begrenzen. Chinesische Beteiligungen an europäischen Unternehmen oder kritischer Infrastruktur sollen strenger geprüft und stärker eingeschränkt werden. Staatliche Ausschreibungen sollen an „Made in EU“-Produkte gehen. Deutschland entfernt zum Beispiel Huawei-Produkte schrittweise aus dem Telekommunikationsnetz. Auf Unternehmensebene bleibt echtes Reshoring dagegen bisher die Ausnahme.

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