Konjunktur

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Konjunktur.

Wachstum ist nicht gleich Wachstum: Wer die Konjunktur nur am BIP misst, liegt schnell daneben. Denn Zahlen werden öfter revidiert, als man denkt.

Rezession oder Stagnation?

Manche schauen auf die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) (nein, nicht das Bruttosozialprodukt, wie es die Neue Deutsche Welle proklamiert) und erklären die Wirtschaft für wachsend, stagnierend oder in der Rezession. Das kann irreführend sein. Zwar gilt nach Definition eine Wirtschaft in einer technischen Rezession, wenn sie zwei Quartale in Folge saisonbereinigt zum Vorquartal schrumpft, aber das greift zu kurz. Man muss prüfen, ob der Rückgang nur kurzfristig war oder länger anhält, ob Sondereffekte ihn verursacht haben und wie stark er eigentlich ist. Dabei wird die Definition schwammig: Ist eine Wachstumsrate von ±0,2 % Wachstum, Rückgang oder vielmehr Stillstand? Und auch wenn die Wirtschaft wächst, bleibt die Frage, warum: Sondereffekte oder nachhaltiges Wachstum? Auf, unter oder über dem Potenzialwachstum? Denn Wachstum ist nicht gleich Wachstum: Ein sich entwickelndes Land hat eine viel stärkere Potenzialwachstumsrate als ein weit entwickeltes Land haben kann.

Warum sich Zahlen nachträglich ändern

Zusätzlich gibt es seit den frühen 2010er-Jahren ein Problem in Europa, besonders in Deutschland, das seit den 2020ern zunimmt: Die veröffentlichten BIP-Daten werden immer stärker revidiert, manchmal noch bis zu zwei Jahre später. Der Hintergrund: Die Finanzmärkte wollen möglichst viele neue Zahlen, deshalb werden die BIP-Zahlen immer früher veröffentlicht. China war hier ein Vorreiter, andere Länder zogen nach. Bei der Berechnung kann aber nur der Teil der Daten einfließen, der zu diesem Zeitpunkt vorliegt, und das ist eigentlich viel zu wenig. Sobald mehr Daten vorliegen, wird korrigiert. So wird aus einer Stagnation eine Rezession und wieder eine Stagnation, innerhalb von zwei Jahren und für ein und denselben Zeitraum. Weil Wachstumsprognosen mathematisch auf den Zahlen der Vorjahre aufbauen, werden auch sie korrekturanfällig.

Was man tun kann

Was kann man also tun? Man sollte sich eine Vielzahl von Konjunkturindikatoren anschauen, von den Frühindikatoren bis zu den „harten“ Zahlen aus der Industrie. Dabei gilt es zu beachten, dass die Industrie in Deutschland und Österreich zwar ein wichtiger Wachstumsfaktor ist, aber bei Weitem nicht die Gesamtwirtschaft abbildet: Ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung (Bruttowertschöpfung) liegt in beiden Ländern unter 20 %. Der Dienstleistungssektor kommt auf rund 70 %, veröffentlicht aber fast keine monatlichen Konjunkturindikatoren. Es gibt wenn überhaupt Frühindikatoren (z. B. das ifo-Geschäftsklima oder den österreichischen WIFO-Index), aber kaum Daten zur tatsächlichen Aktivität. Das gilt auch für die staatlichen Dienstleistungen, die z. B. in Deutschland so groß wie die Industrie sind. Bei diesen kann man höchstens von den Bundes- und Länderhaushalten auf die Ausgaben schließen.

Kurzum: Wir lesen in den Nachrichten unglaublich viel über Industrie und Bau, die nur einen begrenzten Teil der Wirtschaft abbilden, und bleiben auf dem Dienstleistungs-Auge blind. Das verzerrt das öffentliche Bild. Wir misstrauen dann den revidierten Daten, die die Gesamtwirtschaft abbilden. Mehr Skepsis gegenüber den Daten und eine Flut negativer Nachrichten drücken die Stimmung und können zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Das sollten wir nicht zulassen.

Kurz gefragt

Woran erkenne ich eine Rezession?

Nach der gängigen Definition liegt eine technische Rezession vor, wenn die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft. Das greift aber zu kurz. Entscheidend ist, ob Sondereffekte die negative (preis- und saisonbereinigte) Quartalswachstumsrate verursacht haben, wie negativ sie ist und ob der Rückgang länger anhält. Das lässt sich in der Gegenwart oft nicht genau sagen. In den USA legt sogar ein Gremium, das NBER, erst im Nachhinein fest, wann eine Rezession begann und endete.

Was ist der Unterschied zwischen Stagnation und Rezession?

Die Frage sollte eigentlich einfach zu beantworten sein. Stagnation bedeutet kein Wachstum der Wirtschaft, Rezession ein Rückgang der Wirtschaftsleistung. In der Praxis ist es allerdings nicht ganz so klar: Eine Wachstumsrate von 0 % gibt es selten, viel öfter dagegen eine Rate, die um die 0 % herum schwankt. Ich persönlich würde bei einem Jahreswachstum von plus oder minus 0,2 % gegenüber dem Vorjahr von einer Stagnation sprechen und erst jenseits dieser Grenze von „leichtem Rückgang/leichtem Wachstum“. Das ist aber „leider“ Ansichtssache.

Heißt ein steigendes BIP, dass die Wirtschaft gesund wächst?

Nicht unbedingt. Es kommt darauf an, warum und wie stark die Wirtschaft wächst. Wirtschaftswachstum kann durch Sondereffekte getrieben sein. Zum Beispiel fällt das Wachstum nach einer Rezession oft besonders hoch aus (der klassische „Rebound-Effekt“). Alternativ können erhöhte Staatsausgaben durch eine weitere Schuldenaufnahme die Wirtschaftskraft ankurbeln. Je nachdem, wofür die Ausgaben eingesetzt werden, kann dies nachhaltig oder weniger nachhaltig sein. Ein Wachstum unterhalb des Potenzials ist ebenfalls nicht „gesund“, und das Potenzial hängt vom Entwicklungsstand ab: Ein sich entwickelndes Land hat ein viel höheres als eine weit entwickelte Volkswirtschaft.

Warum werden BIP-Daten so stark revidiert?

Die Finanzmärkte wollen möglichst früh neue Zahlen, deshalb werden die BIP-Daten immer früher veröffentlicht. Dann fließt nur der Teil der Daten in die Berechnung ein, der zu diesem Zeitpunkt vorliegt. Alle notwendigen Daten gibt es aber erst viel später. Das führt zu erheblichen Korrekturen, meistens im Sommer bei der umfassenden Benchmarkrevision, die die Wachstumsrate um mehrere Zehntel Prozentpunkte verändert. So wird aus einer Stagnation innerhalb von zwei Jahren eine Rezession und wieder eine Stagnation, für ein und dasselbe Jahr.

Wie verlässlich sind Wachstumsprognosen?

Nur bedingt. Wachstumsprognosen bauen mathematisch auf den Zahlen der Vorjahre auf. Werden diese rückwirkend korrigiert, ändert sich bei gleichen Annahmen für die Zukunft auch die Prognose. Hinzu kommen neue Informationen: ein unvorhergesehenes Ereignis wie ein Kriegsausbruch oder ein Ölpreisschock oder Wirtschaftsteilnehmende, die anders auf einen Impuls reagieren als gedacht. Dann werden die Prognosen entsprechend der neuen Erkenntnisse angepasst.

Welche Konjunkturindikatoren sollte man sich ansehen?

Eine Vielzahl: von Frühindikatoren wie dem ifo-Geschäftsklima bis zu den „harten“ Zahlen aus Industrie, Bau, Einzelhandel und privatem Konsum. Dabei sollte man bedenken: Die Industrie liefert in Deutschland und Österreich die meisten Konjunkturdaten, macht aber nur unter 20 % der Wirtschaftsleistung (Bruttowertschöpfung) aus. Dienstleistungen kommen auf rund 70 %, für sie werden aber kaum Daten veröffentlicht. Daher bilden die Wirtschafts-Nachrichten nur einen Teil der Wirtschaft ab, und das Konjunkturbild kann verzerrt wirken.

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